Donnerstag, 23. Juli 2020
Die Sucht und der Neid
Tja, das ist mein größeres Problem: der Neid.

Ich kann die Sucht bekämpfen, das weiß ich und das habe ich auch viele Jahre bewiesen. Mir stehen diverse Skills zur Verfügung, ich habe hier alles an Ablenkung, die ich für mich persönlich genau jetzt wunderbar nutzen kann.

Was mich nach wie vor in stillen Stunden - oder manchmal auch wie ein Blitz trifft - ist der Neid.

Neid auf alle Mitmenschen, die sich Abends ein Glas Wein eingießen und in Ruhe genießen können. Auf alle, die sich mit Freunden auf ein Bier treffen. Auf endlose Abende in Cocktailbars. Auf Picknicks mit tollen Leckereien und einer Flasche eiskaltem Weißwein.

Ich versuche gerade herauszufinden, wieso ich da so derbe neidisch drauf bin. Ich weiß ja durchaus, dass ich gar keinen Alkohol brauche, um entspannende, lustige oder aufregende Stunden zu erleben.

Wieso also? Manchmal fühle ich mich wie ein Kleinkind, dass aber NUN, JETZT UND SOFORT SONST SCHREI ICH mittrinken will. Sich nicht betrinken, einfach auch mal ein Glas haben will. Und das geht nicht. Nie wieder.

In den letzten Jahren habe ich des öfteren mal alkoholfreies Bier oder Sekt/Wein getrunken. Freunde haben z.B. fast immer dergleichen im Haus, wenn ich zu Besuch komme. Was ich ihnen hoch anrechne und absolut zauberhaft finde.

Aber irgendwie schwant mir, dass ich besser auch die alkoholfreien Varianten ganz vermeiden sollte.

Mittlerweile gibt es ja auch Gin ohne Umdrehungen, aber wieso sollte ich denn Wacholderschnaps trinken, wenn es eigentlich nicht so wirklich lecker ist, aber man so tut, als ob? :D

Und halten wir fest: auch der beste alkoholfreie Wein (und Dank Freund H. habe ich wirklich gute getrunken) erreicht nie die Güte eines fantastischen Rieslings. Bei Sekt ist es das gleiche. Der rosa Rotkäppchen, Leib- und Magenbrause aller Schwangeren *g*, schmeckt ganz gut, macht aber gemeinerweise durch den Schwefelgehalt einen Mordsschädel nächsten Tag. Bei mir jedenfalls. Und einen Kater zu haben, aber nicht mal angeschickert zu sein ist nun wirklich die dööfste aller Möglichkeiten.

Das einzige, was ich wahrscheinlich weiter trinken werde, ist alkfreies Weizen. Besonders im Sommer mag ich es sehr gerne, besonders mit einem Schuß Zitronensaft/-limo. (Und es komme mir jetzt bitte niemand mit Bananensaft! Affensperma mag ich nicht)

Auch sehr cool und saulecker: Erdbeeren pürieren und mit Ginger Ale auffüllen. Geht mit gefrorenen Beeren besonders gut. Virgin Colada: auch toll!

Hm, tja. Ich merke gerade, dass es immer mehr alkoholfreie Alternativen gibt, weil es tatsächlich mittlerweile sogar "en vogue" ist, mal nichts zu trinken.

Also wieso bin ich dann immer wieder neidisch auf Euch, die ihr in keinster Weise suchtgefährdet seid?

Bin ich so doof (Nein, ich denke nicht)? Vermisse ich den Rausch (ja, manchmal)? Ist es das kindliche "Ich will, was alle haben!"?

Ich werde darüber noch eine Zeit nachdenken.

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Dienstag, 21. Juli 2020
Nicht jeder Tag ist gut
Nichtmal hier. Da hat man eine herrliche Umgebung, die dringend benötigte Ruhe und soviel Abwechslung, wie man braucht (oder auch nicht, das ist dann aber auch ok) und trotzdem finden Mitmenschen immer einen Weg, einem den Tag zu versauen.

Ich bin ja eher so der Hippie, dem Harmonie im Zusammenleben unheimlich wichtig ist. Und wenn etwas angesprochen werden muss, dann spreche ich es auch an. Runterschlucken macht Bauchweh, hinterrücks lästern macht alles noch viel schlimmer.

Emotionen steigern sich bis hin zur Wut und das führt dann dazu:

HERRGOTTNOCHMAL, HÄTTE ICH GESTERN ABEND GERNE EIN GLAS WEIN GEHABT!!!

Fuckfuckfuckedifuck. Wegen kleiner, blöder Petitessen erregt man sich hier über alle Maßen. Das ist zum einen unnötig und zum anderen trübt es das Wohlbefinden erheblich ein.

Was war geschehen? Eigentlich nichts besonderes. Es fiel auf, dass die "Frauen-Waschmaschine" meistens eher unterbeschäftigt war. Das gute Stück wusch zwar ununterbrochen, aber immer nur 4 Teilchen. Also 2 Schlüppis und 2 Paar Strümpfe. Oder nur ein Tshirt und ein Handtuch. Und das blieb dann auch noch stundenlang in der Maschine liegen.

Zwei von uns (u.a. ich auch) sprachen es in der Gruppe an. Ich appellierte an das Umweltbewusstsein und Energieverschwendung.

Uih. Plötzlich befand ich mich in einem Shitstorm der Marke "Es ist ein Grundrecht des Menschen, so wenig oder soviel zu waschen, wie man will und Du hast dich gerade total übergriffig in unsere Privatsphäre eingemischt!!!EINSEINSELF!!!" sprach eine und verließ dann wutentbrannt den Raum.

Und ich saß da wie Max aufm Misthaufen, Kinnlade auf Bauchnabelhöhe. Okaaaaayyyy?

Na gut, dann waschen wir drei hier aus dem kleinsten Haus eben bei den Männern. Ist entspannter. Und näher dran. Pöh.

Für mich war die Sache dann eigentlich gegessen. Aber leider wird es nicht entspannter. Ich mag nach außen hin zwar meistens fröhlich und bester Laune sein, aber ich bin ja nicht hier, weil ich mein Leben volle Kanne im Griff habe. Ich leide auch unter wiederkehrenden Depressionen, kann das nur sehr gut verstecken, wenn nötig.
Was ich aber nicht mache und was ich auch nicht mehr lange ertrage: ein zutiefst mies gelauntes Gegenüber beim Essen. 99 % der Mahlzeiten verlaufen in tiefem, missgelaunten Schweigen.

Ab und an hatte ich zu Beginn noch gefragt, ob ich der Dame irgendwie helfen kann, mal spazieren gehen, Blaubeeren sammeln, irgendwas.

Antwort - wenn überhaupt - war ein geknurrtes "Nein. Mir geht es beschissen. Was sollst DU da schon helfen!"

Ok, war nur ein Angebot. Das machte mir nicht viel aus, weil ich genug mit mir zu tun habe. Mittlerweile wird es aber sehr anstrengend. Es belastet mich, ich habe kaum noch Lust, zu den Mahlzeiten zu erscheinen weil diese groben Unhöflichkeiten mir einfach den Appetit nehmen.

Mädel, ich bin AUCH krank! Ich beschäftige mich aber mit meiner Erkrankung und habe als Ziel, alles, wirklich alles zu tun um wieder in die Spur zu kommen. Es tut mir sehr leid, dass sie das augenscheinlich nicht kann. Aber links und rechts um sich zu keifen erscheint mir nicht so ganz der beste Weg.

Lösung? Ich werde darüber mit der Therapeutin reden und um ein Gespräch zu dritt bitten. Nicht alleine mit der Dame, weil ich dann sowieso wieder angefaucht werde. Und so tough wie ich erscheinen mag, bin ich gar nicht immer.

Wie dem auch sei: das Craving von gestern Abend ist vorüber, ich habe gleich Ergotherapie und danach frei. Und da ich heute den ersten Tag der 3. Woche habe, darf ich endlich alleine durch die Wälder stromern. Hach! Habe mich schon mit dem Herzchen T. verabredet. Sie ist eher so Duracell-Häschen, ich bin - kniebedingt - Modell Lahme Ente. Aber die Mischung ergibt ein gutes Duo.

Und heute Abend gucke ich "Hamilton" weiter. Meine Güte, wie grandios kann ein Musical sein? Unbedingter Gucktipp! :)

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Sonntag, 19. Juli 2020
Trinkernation Deutschland
Jo, isso.

Ich habe kürzlich einen informativen Kurzfilm gesehen, der sich mit dem Thema Alkohol in der Gesellschaft beschäftigt. Es ist ja nun nichts Neues, dass in Deutschland das Trinken als gesellschaftlich anerkannt gilt. Man steht eher als Paria da, wenn man nichts trinkt.

Das ist in vielen Ländern anders.

Zum einen sind da die muslimischen Länder. Viele Menschen dort lehnen aus religiösen Gründen Alkohol ab. Trinkt einer jedoch regelmäßig und zuviel, fällt das sofort auf. Man ist dort achtsamer und als Trinker wird man relativ schnell erkannt. Aus dem Grunde gibt es in diesen Ländern nur wenig Alkoholkranke.

Dann sind da die Mittelmeerländer. Alkohol gehört dort zwar zum Leben, aber immer und grundsätzlich in Maßen. Der Rotwein zum Lunch oder Dinner ist absolut normal und willkommen. Der Rausch hingegen nicht. Im Film hieß es, wenn ein junger Mann sich regelmäßig einen antüdert und eindeutig betrunken umherwankt, fällt er sofort auf. Man trinkt dort einfach nicht so wie wir hier. Menschen, die Alkoholmissbrauch betreiben, sind auffällig. Und auch nicht gerne gesehen. Aus diesem Grund gibt es in diesen Ländern zwar durchaus Alkoholkranke, aber bei weitem nicht so viele wie in:

Deutschland, USA und Russland.

In dieser Gruppe gehört Deutschland zu den Großmächten. Hier wird man als junger Mensch nicht schief angeguckt, wenn man betrunken ist. Es wird gescherzt, sich auf den Oberschenkel gehauen und die nächste Runde ausgegeben. "Der Junge kann was vertragen, super!"
Die junge Frau übrigens auch. Ich war früher stolz drauf, so einige Kerle unter den Tisch saufen zu können. Und da war ich bei weitem noch nicht abhängig.

Alkohol ist immer und überall verfügbar, billig und anerkannt. "Genussmittel", wie es so schön heißt. Alleine die Tatsache, dass ein Nervengift als "Genussmittel" bezeichnet wird, sagt so einiges über unsere Einstellung zu Alkohol aus.

Und versteht mich bitte nicht falsch: ich habe nichts gegen Menschen, die Alkohol zu sich nehmen. Absolut nicht. Aber so dermaßen viele, die ich kenne, sind schon weit über den "Genuss" hinaus.

Kinners, es ist nicht "normal", jeden Abend zu trinken. Egal, wieviel. Es ist auch nicht wirklich gut, dezent unruhig zu werden, wenn man mal keinen Alkohol im Haus hat. Die Ausrede "Aber wir trinken das nur, weil es so gut schmeckt!" mag gelten, wenn es ein Glas oder zwei am Wochenende sind. Aber nicht 2 Flaschen jeden Abend. Ganz bestimmt nicht.

Ich kenne natürlich auch Leute, die wirkliche Genusstrinker sind, sich mit der Herstellung und Geschichte von Bier oder Whisky lange beschäftigt haben, auch eine dementsprechende Sammlung besitzen und teilweise sogar selber brauen. Aber die nutzen Alkohol nicht missbräuchlich.

Dazu kommt die blöde Tatsache, dass wir Alkis die besten Schauspieler der Welt sind. Es gibt eine riesige Dunkelziffer von Menschen, die funktionierende Alkoholiker sind. Ich gehörte auch dazu. Tagsüber wird nicht getrunken. Nur Abends. Dann aber so schnell und so viel, das man sich relativ schnell wegschießt, mehr oder weniger besinnungslos ins Bett (oder auf den Teppich) fällt und morgens wieder zur Arbeit geht. Und keiner merkt etwas. Oder wagt es, etwas zu sagen.

Ich hatte das tatsächlich zwei Jahre so gehandhabt, bis der Wodka eindeutig auf der Gewinnerseite war.

Aus diesen Gründen gibt es bei uns so viele Alkoholiker. Die Alkohollobby der Winzer und Brauer ist mächtig. Gestern verglich es einer meiner Kollegen hier mit der Waffenlobby in den USA. Was ich ziemlich passend finde.

Nehmt dem Deutschen sein Feierabendbier und die BLÖD rastet aus. Versucht mal, 6 Wochen ohne. Höchstes Lob und großer Respekt ist demjenigen sicher, der es schafft.

Leute, ernsthaft? 6 Wochen ohne Alkohol und man ist ein Held?

Nein.

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